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Meine Hochsensibilität und Depressionen

  • lealandmann
  • vor 2 Tagen
  • 7 Min. Lesezeit

Ich habe mal gelesen, dass hochsensible Menschen anfälliger für Depressionen seien. Ob da wirklich was dran ist, mag ich nicht zu sagen. Ich selbst war vor einigen Jahren aufgrund einer depressiven Episode in Therapie. Auch in meiner Hochsensiblen-Selbsthilfegruppe hatten wir das Thema Hochsensibilität und Depressionen schon als Vorschlag in der Runde. Da es hier vielelicht einen Zusammenhang gibt, möchte ich meine Erfahrungen mit Melancholie, Trauer und Depressionen teilen.


Tau auf Herbstlaub

Melancholie

Meine Eltern fragten mich einmal, ob ich mich an eine Gegebenheit aus meiner Kindheit erinnern könne: Der Klavierlehrer aus der Musikschule, bei welchem ich eine Schnupperstunde machte, hätte meinen Eltern erzählt, dass ich in der Stunde geweint hätte. Er sprach davon, dass ich eine starke Melancholie in mir hätte, die zum Ausdruck gebracht werden müsste. Ich kann mich daran nicht mehr erinnern, aber ich weiß, dass ich nah am Wasser gebaut bin. Außerdem weine ich auch oft, wenn ich verunsichert oder überfordert bin.


Frau sitzt mit Kopf an Knie gelegt da

Diese Melancholie, von der der Klavierlehrer sprach kann ich auf den ersten Blick nicht so recht mit mir verbinden. In der Oberstufe wurde ich von einem Klassenkameraden als Sonnenschein bezeichnet und ich verstehe mich grundsätzlich als Optimistin. Und trotzdem habe ich auch diesen Weltschmerz in mir, den Menschen (in meiner Generation) oft spüren. Dadurch, dass ich meine Umgebung intensiver wahrnehme und auch Stimmungen in Räumen spüren kann, merke ich, wie ich manchmal eine gewissen Traurigkeit aufnehme, die nichts mit mir zu tun hat.

Melancholie und Traurigkeit sind immer wieder Begleiterinnen auf meinem Weg (zu mir selbst). Ich bin durch eine Phase großer Traurigkeit gegangen, um an dem Punkt zu stehen, an welchem ich heute bin. Und mittlerweile fällt es mir auch sehr viel leichter echte Trauer wirklich zuzulassen. Trotz allem treibt mich diese Melancholie immer wieder um, ist auch immer wieder Antrieb, meines kreativen Schaffens.


Depressionen

Ich war in Therapie aufgrund einer mittelschweren depressiven Episode. Das ist die Diagnose, die damals gestellt wurde. Mir war die Lust an so vielen Dingen, die mir früher einmal Spaß gemacht hatten, vergangen. In Gruppen fühlte ich mich oft abgekapselt und innerlich leer, da alle um mich herum fröhlich waren und ich es nicht sein konnte. Außerdem hatte ich das Gefühl, ständig müde zu sein und hatte ein sehr großes Ruhebedürfnis. Mehr als einen Termin am Tag wollte ich nicht wahrnehmen, da mir sonst alles zu viel erschienen war. Ich hatte einen Reizdarm und mein Körper schien ständig irgendetwas zu haben, doch alle Arztbesuche brachten nichts. Ich versuchte immer wieder, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, doh innerlich fühlte ich mich furchtbar. In Texten habe ich meinen Gefühlen Ausdruck verliehen:


Ein Kloß in meinem Hals, der sich nicht wegschlucken lässt und dazu dieses ungute Gefühl im Bauch. Immer wieder Gedanken an negative Gefühle, immer wieder Zweifel und ja manchmal auch die Frage danach: Lohnt sich dieses Leben überhaupt? Was wäre denn so schlimm daran, wenn ich nicht mehr da wäre? Für mich wäre das sicherlich nicht schlimm. Aber: den Menschen um mich herum kann ich das nicht antun.

Und doch: Ich gehe im Wald spazieren. Die Wege kenne ich wie meine eigene Westentasche, die Wege sind vertraut und ich bin sie schon unzählige Male gelaufen. Die Gedanken fließen, fließen hinaus in den Wald, in die Bäume um mich herum. In der Hoffnung sie mögen die negativen Gedanken aufsaugen bin ich in den Wald gegangen. Doch dann komme ich vom Weg ab. Entscheide mich bewusst dafür querfeldein zu laufen und die Wege zu ignorieren, aber in der Gewissheit, dass in die Richtung, die ich eingeschlagen habe, wieder ein Weg kommt. Doch dann verweile ich kurz, verweile kurz in diesem Zwischenraum zwischen dem einen und dem anderen Weg und denke wieder daran: Was wäre wenn ich jetzt einfach hierbleiben würde, für immer. Mich einfach nicht mehr wegbewegen würde und verhungern, verdursten würde. Nicht fähig mich zu bewegen, nicht fähig irgendetwas zu tun. Und das Beste: Niemand würde mich finden. Niemand würde nach mir suchen. ich hätte endlich einmal Ruhe vor allen und allem. Das wäre so schön. Doch so schnell der Moment gekommen ist, so schnell ist er auch wieder verflogen. Ich bahne mir weiter den Weg durch das Unterholz und komme irgendwann auf dem vertrauten anderen Weg wieder an. Diesen verlasse ich kein weiteres Mal.

Schön, wie sich diese Wald- und Wegbegebenheit metaphorisch auf das Leben übertragen lässt. Der Wald ist das blühende Leben, grün und voll von Bäumen, voll von Menschen. Überall Wege, die man einschlagen kann. Kreuzungen, an denen man sich entscheiden muss in welche Richtung man möchte. Und dazwischen, zwischen den Wegen: Ungewissheit. Ja es gibt ein Zwischen den Wegen. Man kann vom Weg abkommen und es muss nicht immer schlimm sein. Zumindest fühlt es sich auch für mich gerade so an, als wäre ich von meinem eigentlichen Weg abgekommen. Als hätte ich meine Richtung verloren und wäre auf der Suche nach einem neuen Weg. Und ich habe das Gefühl, dass ich die Einzige bin, die diesen neuen Weg für mich finden kann. Und was mich irgendwie hoffnungsvoll stimmt: Im Wald habe ich mich nicht fürs Aufgeben entschieden. Im Wald bin ich in Richtung des neuen und doch vertrauten Weges weitergegangen. Es lässt mich hoffen, dass ich auch im Leben wieder einen neuen, vielleicht doch vertrauten Weg finden werde. Auch wenn gerade alles schwarz erscheint, ich den Wald, vor lauter Bäumen nicht sehe, hoffe ich doch wieder herauszukommen.

Es ist schwer. Es ist verdammt schwer und die Schwere zieht mich tiefer in meine negativen Gedanken, aber es hilft mir mich nach und nach zu öffnen. Mich nach und nach mit meinen dunklen Gedanken an andere Menschen zu wenden. Dann kann ich die Gefühle nicht weiter ignorieren, sondern muss mich mit ihnen auseinandersetzten. Dann fressen mich die Gefühle nicht weiter von innen auf, sondern ich kann ihnen irgendwie eine Gestalt verleihen. Ich lasse sie nach draußen und kann so klarer denken. Wie wenn ich im Wald plötzlich auf eine Lichtung treffe oder sich die Wolken von der Sonne schieben. Wobei eigentlich sind die Wolken schon noch halb da, aber: sie jagen mir vielleicht etwas weniger Angst ein. Sie sind vielleichte in bisschen weniger dunkel.

Ich weiß nicht, wann und wie ich in diesem dunklen Wald in dieses Loch gefallen bin. Aber ich versuche mich wieder herauszuarbeiten. Mittlerweile habe ich ein Kletterseil und helfende Hände. Aber ich musste erst auf mich aufmerksam machen. In dem Loch da unten im Wald kann mich ja niemand finden, wenn sie nicht wissen, wo ich bin. Ein kleiner Hilferuf hat schon genügt. Die Hilfe war nie weit weg, immer viel näher als ich gedacht hätte. In diesem dunklen Loch im Wald fühlt man sich eben so allein, dass man nicht glaubt, dass noch jemand anderes da ist. Man kann halt auch nicht über den Rand des Loches hinausschauen. Man will vielleicht auch gar nicht über den Rand des Loches hinausschauen.

Hab ich mir das Loch selbst gegraben? Das weiß ich nicht so genau. Ich glaube eher ich bin da einfach so reingefallen. Vielleicht habe ich mich aber auch nach und nach immer weiter eingegraben ohne es zu merken. Hab mir zu viel zugemutet und so konnte der Boden unter meinen Füßen nicht mehr standhalten. Ist einfach weggebrochen und ich mit ihm. In die Dunkelheit bin ich gestürzt. Allein –

Dabei bin ich gerne allein. Oh ja, allein sein ist toll, da man sich um niemand anderen scheren muss und niemand anderes einen mit seinen Bedürfnissen vollschwafelt oder Anforderungen an einen stellt oder irgendsowas. Aber wir Menschen sind wohl nicht zum Alleinsein gemacht und eigentlich, eigentlich will ich auch gar nicht immer allein sein.


Wenn ich heute an diese Zeit zurückdenke, wird mir immer wieder bewusst, wie schlecht ich mich gefühlt habe und wie lange ich die Gefühle und Symptome ignoriert habe, da ich dachte, dass es anderen Menschen viel schlechter gehen muss, als mir - was völliger Bullshit ist. Das weiß ich heute. Doch damals habe ich Hilfe gebraucht, um zu erkennen, dass ich eine Krankheit hatte und ich nicht ich selbst war. Denn wie ich selbst, hatte ich mich zu diesem Zeitpunkt schon länger nicht mehr gefühlt. Meine Lebensfreude schien sich aufgelöst zu haben und das fühlte sich furchtbar an.


Wahrnehmungsfilter und Reflexion

Eine verregnete Landschaft, Panorama

Ich glaube, über meiner Wahrnehmung lag ein Filter, der alles Schöne negativiert hat. Und dadurch, dass ich als hochsensible Person unfassbar viel wahrnehme, war es eine Flut an schlechten Eindrücken. Wenn man sich von allen Sinnen abschotten muss, da man oft mit unangenehmen Gerüchen, einem zu hohen Lärmpegel, sich unwohl in seiner Haut zu fühlen und am besten noch einem schlechten Geschmack im Mund kämpft, dann fällt es einem viel leichter, die negativen Emotionen über die positiven zu stellen, wenn diese auf einmal durch ständige Reizüberflutung überwiegen. Und dann kommt noch schlechter Schlaf hinzu und der Tag ist im Eimer. Als hochsensible Person habe ich sowieso ein stärker ausgeprägtes Ruhe- und Rückzugsbedürfnis und werde schnell aus der Bahn geworfen. Nicht verwunderlich, dass man dann auch anfälliger für negative Gedankenspiralen wird.


In Gedankenspiralen konnte ich mich besonders gut verlieren. Als Overthinkerin kann ich wirklich lange über eine Sache nachgrübeln. Zudem reflektiere ich jedes Verhalten meinerseits und anderer Personen. Das ist eine Gabe, die ich denke ich habe, da ich hochsensibel udn sehr empathisch bin. Andererseits ist es auch ein Fluch, da man sich allzu leicht darin verlieren kann. Meine Therapeutin schätzte es, dass ich so reflektiert bin, da sie mir bloß Denkanstöße geben musste und ich dann die Arbeit selbst machte. So schaffte ich es, mich aus dieser tiefsten Phase meines Lebens mit etwas Hilfe wieder hearuszuarbeiten.


Und heute

Mittlerweile fühle ich mich wieder wie ich selbst. Durch eine gesteigerte Aufmerksamkeit auf meine eigenen Bedürfnisse und das Wahren meiner Grenzen, kann ich mich schneller und sicherer vor negativen Gedanken und Emotionen abgrenzen. Die Freude am Leben habe ich wiedergefunden.

Und doch habe ich Angst. Angst davor, dass ich in das Loch zurückfalle und es dieses Mal noch schlimmer wird. An solch einen Tiefpunkt möchte ich nie wieder geraten. Er hat mir im Nachhinein gezeigt, wie wunderschön das Leben sein kann und welche Freude es mir macht am Leben zu sein und das möchte ich nie wieder missen wollen. Auch wenn ich im Moment nicht so genau weiß, wohin ich mit mir und meinem Leben will, so weiß ich doch, dass ich auf der stetigen Suche nach meinem eigenen Glück bin.


In den sozialen Netzwerken werde ich immer wieder auf Nervensystemregulation und Neurodivergenz aufmerksam gemacht. Manchmal kann ich mich darin wiederfinden und nehme mir jeden Tipp, den ich aufschnappen kann, zu Herzen. Ich weiß, dass es wichtig ist, wie ich mit mir selbst umgehe und wie ich für mich selbst sorge. Denn darin liegt der Schlüssel, sich nicht in der Negativität der Gedanken zu verlieren. Oftmals sagen diese gar nichts über die eigentliche Realität aus und sich immer nur auszuruhen, hilft auf Dauer auch nicht immer, um sich besser zu fühlen. Es braucht eine gesunde Balance zwischen all den Dingen, die mir Freude bereiten.


neblige Holzbrücke

 
 
 

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