Ich habe (keine) Zeit
- lealandmann
- 8. März
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 18. März
In der letzten Woche hatte ich an sechs von sieben Tagen neben der Arbeit Termine. Ich hatte im Vorhinein etwas Angst, ob es zu viele Unternehmungen sind, da ich wusste, ich komme zyklustechnisch in die Lutealphase und werde weniger Energie haben. Im Nachhinein hatte ich eher das Gefühl für nichts Zeit zu haben, obwohl ich meine Zeit mit sehr viel gefüllt hatte. Irgendwie habe ich dadurch ein ganz merkwürdiges Zeitempfinden gehabt und möchte meine Gedanken hierzu mit euch teilen.
Zeitempfinden

Manchmal habe ich das Gefühl, als hochsensible Person ein anderes Zeitempfinden zu haben, als der Rest der Welt. Wenn ich nichts sinnhaftes Tue, dann dehnt sich die Zeit für mich aus und ich kann extreme Langeweile empfinden. Die Zeit vergeht dann quälend langsam, ich suche nach einer sinnvollen Beschäftigung. Wenn ich wiederum etwas Sinnvolles tue, oder etwas das mir Spaß macht, dann kann ich mich so sehr im Moment verlieren, dass ich gar nicht merke, wie die Stunden vergehen und am Ende fühlt es sich für mich so an, als wäre gerade Mal eine Stunde vergangen, obwohl es sechs waren. Genau dann kann es aber auch passieren, dass ich das Gefühl bekommen, dass mir die Zeit davonläuft, obwohl ich oft genug gar nicht so genau weiß, für was eigentlich. Ich weiß nicht, ob das etwas ist, was nur hochsensible Menschen empfinden, oder ob es uns generell so gehen kann. Jedenfalls fühlt sich mein Zeitempfinden manchmal ganz schön gestört an.
Mit was fülle ich meine Zeit?
In einem meiner Lieblingsromane heißt es: "Zeit ist eine Illusion. Und die Mittagszeit erst recht." Die Zeit an sich, kann man nicht festhalten, aber wir haben entschieden, sie für uns zählbar zu machen, indem wir sie in kleine Häppchen aufgeteilt haben. Das Zeitempfinden, kann von diesen Häppchen allerdings abweichen. Ich arbeite acht Stunden am Tag und schlafe acht bis neuen Stunden. In der restlichen Zeit esse ich, bewege ich mich fort, treibe Sport, mache den Haushalt und gehe meinen Hobbies nach. Zack, ist die Zeit, die mir an einem Wochentag zur Verfügung steht, schon wieder aufgebraucht. Ich fülle meine Zeit oft mit sehr viel und merke manchmal nicht, dass es fast zu viel ist, da ich dadurch kaum Ruhepole habe. Erst, wenn ich dann vollkommen erschöpft bin, merke ich, dass ich meine Zeit vielleicht mit zu viel gefüllt habe.
Diese ganzen kleinen Häppchen, sorgen aber auch dafür, dass man denkt: 20 Minuten scrollen am Handy, dass ist doch nichts. Aber sich aufraffen und 20 Minuten spazieren gehen, oder ein Workout machen, erscheint wie ein Marathon. Trotzdem merke ich, dass ich es auch schaffe kleine Zeitspannen mit mehr Sinnhaftem für mich zu füllen und mich nicht dem Trug hinzugeben, keine Zeit für etwas zu haben, wenn ich vielleicht nur eine halbe Stunde zwischen zwei Terminen habe. So etwas wie verlorene Zeit, habe ich auch nur noch ganz selten. Ich verbringe meine Stunden sehr intentional.

Stress, Uhren und Zeit
Auf meinem Handybildschirm ist eine Uhr, auf meinem Laptop und im Auto. Überall springt sie mir entgegen, die zählbare Zeit. Und so fange ich oft an, zu denken, dass ich keine Zeit für etwas habe, da ich ja in einer Stunde schon wieder irgendwo hin muss, oder in einer Viertelstunde los muss, oder um acht zum Telefonieren verabredet bin. Doch wenn ich mich so sehr davon beeinflussen lasse, dann fange ich mit der verbliebenen Zeit oft nicht so viel an. Schaue ich nicht auf die Uhr und lasse mich mehr treiben, dann ist es auf einmal ganz einfach, sich zehn Minuten zu dehnen, oder noch eine Maschine Wäsche anzumachen, oder eine Folge Serie zu schauen. Je nachdem, wie ich mit meiner Zeit umgehe, stehe ich unter Stress, oder eben nicht. Genauso ist es, wenn ich warte, dass Zeit vergeht. Schaue ich auch hier nicht alle zehn Minuten auf die Uhr, vergeht die Zeit vergleichsweise schneller. Habe ich aktiv etwas zu tun, auf das ich mich konzentriere, vergeht die Zeit schneller, als wenn ich darauf warte, dass der nächste Termin anfängt.
Zeit ist irgendwie also auch etwas, dass ich mir selbst definiere und selbst schaffe. Je nachdem, welchen Blickwinkel ich auf meine Zeit einnehme, empfinde ich meine Zeit auch anders. Somit kann ich gar nicht sagen, dass ich Zeit habe, oder keine Zeit habe. Auch die Entscheidung, wie ich meine Zeit fülle, ist mir selbst überlassen und kann von niemand anderem entschieden werden.
Zeit ist eine Illusion
Seitdem ich umgezogen bin, sind sieben Monate vergangen. So schnell ist die Zeit in den letzten Jahren noch nie für mich verflogen. Wenn ich allerdings an einem einzelnen Tag dasitze, dann fühlt es sich oft so an, als vergehe die Zeit überhaupt nicht. Und wenn ich dann im Feierabend nach Hause fahre, kann ich es gar nicht erwarten meinen ganzen Aktivitäten nachzugehen, für die ich dann kaum noch Zeit habe und die Abende sind oft so viel kürzer, als die Stunden, die ich mit Arbeit verbringe. Irgendwie ist das mit der Zeit schon eine komische Sache und oft genug hab ich keine Zeit und oft genug hab ich wahnsinnig viel Zeit, mit der ich nichts anzufangen weiß. Irgendwie habe ich meinen Umgang mit meiner Zeit noch nicht gefunden und wurschtele mich da so durch.
In einem Song von Edwin Rosen heißt es: "Ich denk immer ich hab Zeit, denk es ist noch nicht so weit". Der Song heißt passenderweise "Keine Zeit". Ich glaube, man kann Zeit nicht haben, nicht besitzen. Aber, man kann über seine Zeit verfügen, man kann entscheiden, was man zu welcher Zeit macht. Irgendwo hat das vielleicht auch etwas mit Freiheit zu tun und natürlich kann nicht jeder immer über die eigene Zeit entscheiden. Wir sind als Menschen in so vielen Strukturen eingebunden, dass wir zu bestimmten Zeiten bestimmte Verpflichtungen haben, für die wir uns aber wohlgenmerkt einmal entschieden haben.
Am Ende glaube ich, geht es auch gar nicht um die Zeit an sich, sondern um die Dinge, die man in seiner Zeit tut.

Bearbeitet: 18.03.2026




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