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Lebenswege

  • lealandmann
  • vor 6 Tagen
  • 7 Min. Lesezeit

Die Quarter Life Crisis

Von der Quarter Life Crisis ließt und hört man derzeit überall. Wenn ich es richtig verstehe, wird damit ein Zustand in seinen Zwanzigern gemeint, in welchem man noch einmal sein Leben überdenkt und die Entscheidungen, die man bis hierhin gefällt hat, neu ausrichtet. Blöderweise habe ich das Gefühl, gerade auch in dieser zu stecken, auch wenn ich mich solchen Phänomenen normalerweise entziehen möchte. Daher hab ich mich entschlossen, über meine "Symptome" zu schreiben und einmal zu teilen, wie es mir im Moment im Leben geht und was mich so umtreibt.


regenbogenfarbene Blume im Zug beim Sonnenuntergang

Das Problem mit dem Sinn

Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt, also eine sieben-jährige Erwachsene, oder so. Vermutlich wird mir so viel Content über die Quarter Life Crisis in meinen Feed gespült, da ich gerade in diesem Alter bin und genau mit den Gedanken relaten kann, die Menschen in meinem Alter haben. Besonders wichtig ist mir ein Sinn, in dem was ich tue und wie ich mich auf unserer Welt bewege. Das Problem mit diesem Sinn ist allerdings, ihn zu finden und auch anzunehmen, ihn irgendwo zwischen all den anderen Gedanken und dem Leben um mich herum, auszumachen und zu verfolgen. Ich bin eine Sinnsuchende und das macht es mir manchmal ganz schön schwer, dass Leben vielleicht auch einfach einmal so zu nehmen, wie es gerade ist. Denn das kann ich oft nicht, da ich in allem einen Sinn und einen Grund suche und nichts einfach so machen kann, ohne mich nicht leer zu fühlen, wenn es mir nicht sinnvoll erscheint. Ganz schön blöd das Ganze.

Gestern habe ich ein Video gesehen, in dem es hieß, dass man seinen Sinn im Leben eigentlich schon kennt, aber dadurch, dass man bisher eher für andere gelebt hat und all den Einflüssen um einem herum ausgesetzt ist, diesen oft nicht erkennt, oder sich nicht sicher fühlt, diesen auszuleben. Dabei wünsche ich mir nichts mehr, als ein sinnerfülltes Leben.


Frau mit geschlossenen Augen, die Zweig vorm Gesicht hat

Meine Hippie-Hexen-Seele

In mir drinnen kämpfen oft mehrere Wünsche, Ziele und Träume um die Oberhand. Tief drinnen, bin ich aber eine naturverbundene Seele. Ich bin am liebsten draußen in der Natur unterwegs und lebe mit der Natur. Es macht mir große Freude, Wildkräuter und Pilze zu sammeln, mich mit der Natur um mich herum auseinanderzusetzen, sie zu ehren, zu schützen und im Einklang mit ihr zu leben. Ich würde manchmal gerne noch mehr altes Wissen sammeln und noch mehr mit der Natur um mich herum in Verbindung stehen. Der moderne Lifestyle steht dem jedoch diametral entgegen und ich habe mich diesem Lifestyle bisher untergeordnet, da ich nichts anderes kenne und auch Angst habe, vor dem Schritt, aus diesem auszubrechen. Ich weiß manchmal auch gar nicht wie, und wohin. Bisher fühlt es sich einfacher an, in einer Wohnung zu leben, einen sicheren Arbeitsplatz zu haben und mir somit mein Leben ermöglichen zu können. Aber das so ein großer Teil meines Lebens drinnen stattfindet, widerstrebt mir wahnsinnig. Ich wollte das immer, kreativ sein und Theaterluft haben, aber jetzt merke ich, wie sehr ich das Gefühl habe, dass es mich limitiert und meiner wahren Seele entgegenstrebt.


Das Hinterfragen von dem, was bisher meine Träume waren

Als Teenagerin bin ich zum Theater gekommen. Ich habe in der Grundschule schon erste Mini-Rollen gespielt, mit elf dann in meinem ersten Musical mitgemacht und mit zwölf in meinem ersten Theaterstück. Es hat mich auf die Bühne gezogen und ich habe es geliebt. Die Aufmerksamkeit, die Selbstausstellung, aber auch das Schlüpfen in andere Rollen. Es war etwas, in dem ich wirklich gut war, in dem ich mich wohlgefühlt habe und was andere an mir mochten, bzw. toll fanden und mich dafür gelobt haben. Ich begann immer mehr für das Theater zu machen und zu leben. Schauspielern, Texte schreiben, Dramaturgien entwickeln, Regie führen, und Co. Jedes Theaterprojekt bei dem ich mitmachen konnte, wurde wahrgenommen und ich schlug den Weg ein, diese Theaterleidenschaft professionalisieren zu wollen. Alles was ich ab einem gewissen Zeitpunkt fürs Theater tat, tat ich, weil ich in die Theaterszene wollte. Erst war es Schauspiel, dann Regie, später Theaterautorin. Es gab gar keinen anderen Weg, als diesen, am und im Theater zu arbeiten. Das Ziel: an einem großen Theaterhaus arbeiten. Jetzt habe ich dieses Ziel auch erreicht. Seit einem guten Jahr arbeite ich an einem Staatstheater im Künstlerischen Betriebsbüro, bin selbst nicht mehr kreativ, aber bin Teil des kreativen Prozesses und diesen möglich zu machen und bin Teil eines großen Hauses.


Zuschauerraum eines Theaters, Blick von der Bühne in diesen

Doch irgendwie fühlt sich der einstige Traum nun wie eine Fessel an; als ob ich nichts anderes kann, als Theater. Das, was ich aus Spaß an der Freude angefangen habe, ist zum Ernst geworden. Gemerkt habe ich es schon, als ich anfing mein Hobby zu professionalisieren. Irgendwann fühlte es sich nicht mehr gut an, Leistung erbringen zu müssen, das Gefühl zu haben, liefern zu müssen und ständig kreativ und wichtig sein zu müssen. Ich arbeitete mich, ohne es zu merken, in eine Depression und verlor jegliche Freude an den Dingen, die mir einmal Freude bereitet hatten. Das Schlimme: Ich machte trotzdem weiter, ich kannte nichts anderes und dachte, dass ich auch nichts anderes will.


Dann kam der Punkt, an dem ich meine Depression aufarbeitete und mich wieder an mein eigenes Glück erinnerte. Ich haderte, ob ich überhaupt im Theater bleiben will, merkte aber auch, dass ich mich noch nicht ganz von ihm lösen konnte und wollte. So entschied ich mich für den Weg, weiterhin Teil des Theaters zu sein, aber nicht mehr im kreativen Schaffensprozess. Eine gute Entscheidung, da es einfach auch eine Entscheidung war. Also, einmal Leben umgekrempelt, umgezogen, neue Stadt, erster Job, erste eigene Wohnung; mehr Autonomie und Freiheit, aber auch mehr Verantwortung. Und jetzt stehe ich da und merke: Das ist es irgendwie auch nicht. Dann frag ich mich, ob ich mich vorschnell entschieden habe, was aber auch nichts bringt, da ich jetzt nun einmal in diesem Leben bin. Und am Ende war die Entscheidung richtig, da ich so lange gehadert hatte überhaupt eine Entscheidung zu treffen, ich aber endlich etwas verändern musste.


Die Zwanziger sollen für mich kein Wartezimmer sein, sondern ein Kleiderschrank: Man kann Leben, Beziehung, Freunde, Orte, Berufe, etc. anprobieren und schauen, was zu einem passt. Es geht nicht darum, darauf zu warten, dass einem das Leben passiert, sondern es selbst in die Hand zu nehmen.


Theatersitzreihe

Wieder zurück zu den Wurzeln

In der Grundschule wollte ich Autorin werden. Als kleines Mädchen habe ich es geliebt mir Geschichten auszudenken und mir eine Welt auszumalen. Ich habe das Schreiben zwischendurch etwas vernachlässigt, aber heute versuche ich mich ihm wieder ausgiebig zu widmen. Ich liebe es immer noch und merke, wie das Geschichten ausdenken mich wahnsinnig erfüllen kann. Egal in welcher Form ich mir Geschichten ausdenken darf; es macht jedes Mal unendlich viel Spaß. Was ich mit dieser Information anfangen soll? Ich habe keine Ahnung.


Seit einem Jahr tanze ich Paartanz. Ich wollte es schon immer lernen und merke, wie sehr ich darin aufgehen kann. Das ist ein kleiner Traum, den ich der dreizehnjährigen Lea erfüllt habe. Sich zur Musik zu bewegen ist eine der wundervollsten Sachen auf der Welt. Mit jemand anderem zusammen: umso besser. Tanzen ist Lebensfreude, Liebe und Spaß. Ich möchte das Tanzen nie wieder missen.


Mein jüngeres Ich war frei von gesellschaftlichen Erwartungen, Zwängen und Tabus. Ich wollte mich zwar immer an meine Mitschüler*innen anpassen, habe es aber doch nie so richtig hinbekommen. Meine Seele ist wild und sensibel, einfach anders. Dabei will ich gar nicht anders sein, als die anderen, sondern einfach Ich sein. Doch was dieses Ich ist, muss ich immer wieder aufs Neue herausfinden. Jedenfalls ist es kein Ich, dass sich die Fingernägel lackiert, rasiert, schminkt oder viel Schmuck trägt. Nein, es ist ein Ich, dass Dinge nutzt, die es hat und erst neue Sachen kauft, wenn die alten kaputt sind. Es ist ein Ich, dass einfache und pragmatische Lösungen bevorzugt und das sich nicht herausputzt, sondern ganz roh ist. In diesem Zustand fühle ich mich am wohlsten. Auch mal nackt baden gehen, keinen BH tragen oder den Rock, der eigentlich zu kurz ist. Das bin Ich!


Nahaufnahme von Pilzen

Durchatmen

Während ich anfange mein gesamtes Leben wieder einmal zu hinterfragen, muss ich mich auch daran erinnern, durchzuatmen. Leben ist kein Wettbewerb und ich muss noch nicht alles jetzt schon herausgefunden haben. Ich darf auch einmal dort ankommen, wo ich gerade bin und dankbar für die Möglichkeiten sein, die ich gerade habe und das Leben annehmen, welches ich gerade führe. Es muss schließlich nicht der Endpunkt sein, sondern ist irgendwie ja erst der Anfang. Und mit jedem Schritt, den ich auf dem Weg gehe, komme ich mir Selbst immer näher. Auch wenn ich mich zwischendurch vielleicht noch einmal weiter von mir entferne, am Ende komme ich doch umso stärker zu mir selbst zurück. Es fällt mir schwer, nicht Hals über Kopf unüberlegte Entscheidungen zu treffen, oder jeden möglichen Strohhalm zu greifen, der das zu sein scheint. Damit erreiche ich nichts. Ich denke, ich sollte vielmehr durchatmen und mir Mal in Ruhe überlegen, was mir im Leben wichtig ist und was ich gut kann. Irgendwo dazwischen werde ich dann den passenden Weg für mich finden.


All diese Lebensentwürfe

Und dann stehe ich da und denke über all die möglichen Lebensentwürfe nach, die sich vor mir auftun. Ich könnte ein Vorstadtleben führen, mit Haus, Kindern und Ehemann oder aber ich gehe auf Reisen, packe alles, was ich brauche in einen Rucksack und los geht es. Vielleicht wandere ich auch aus und kaufe mir ein Schwedenhaus. Oder aber ich lebe zurückgezogen von aller Zivilisation und schreibe Romane, oder Theaterstücke, oder Sachbücher. Ich könnte auch mit meiner eigenen Wandertheatergruppe im Zelt auf Tour gehen. Wie wäre es mit dem Leben in einer Kommune oder einem Mehrgenerationenhaus.


Manchmal habe ich so viele Ideen, wie mein Leben aussehen könnte, dass ich total überfordert bin, weil ich nicht weiß, welche Richtung mich letztendlich glücklich machen wird. Alle Lebensentwürfe, die ich mir so ausmale in meinem Kopf klingen gut und schlecht zugleich. An jedem finde ich wahnsinnige viele tolle Dinge und gleichzeitig Sachen, bei denen ich mich frage, ob sie zu mir passen würden. Vergesse ich dabei vielleicht manchmal meine eigenen Gefühle - womöglich. Am liebsten lebe ich im Moment, da es das Einzige ist, was Leben tatsächlich ist: der Moment.


In meinen Lebensentwürfen spielen andere Menschen auch immer eine ganz zentrale Rolle. Ohne andere Menschen wäre mein Leben nicht das, was es ist und am liebsten hätte ich alle meine Liebsten an einem Ort direkt um die Ecke. Hat bisher noch nicht so ganz so gut geklappt, aber was nicht ist, kann ja noch werden.


Herz mit den Händen von Vater und Tochter

Fazit: Zu viele Lifes für ein Leben

Am Ende heißt es glaube ich einfach: Immer wieder eine Entscheidung für mich und mein Leben treffen. Ausprobieren, was für mich funktioniert und was nicht. Einfach immer weiter suchen und dabei auch Mal stehenbleiben, durchatmen und reflektieren, was gut funktioniert (hat) und was nicht. Dabei nicht vergessen, dass es Menschen in meinem Leben gibt, die mir extrem wichtig sind und ich auch bei diesen sein möchte und das manchmal das viel größere Glück ist, als jegliche andere Erfüllung. Trotz allem darf ich auch selbst glücklich sein und werden. Es muss auch um mich gehen und nicht immer nur um andere. Bei all den Wegen, die ich gehen kann, habe ich vielleicht den schönsten bisher übersehen: den, den ich gerade gehe und auf dem ich mich noch befinde, da es mein Weg ist. Und dieser Weg ist mein Leben, im Hier und Jetzt. Und das ist wirklich schön!


 
 
 

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