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Naturverbindung: Spiegel meines Inneren

lealandmann
23. Aug.
5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 4 Tagen

Wie ein Baum dir deine tiefsten Fragen beantworten kann

Im Sommer habe ich kennengerlernt, wie man der Natur seine tiefsten Fragen stellen kann und was die Naturverbindung in mir auslösen kann, wenn ich mich vollends auf die Gefühle und die Erfahrung einlasse. Heute war ich ein zweites Mal meinen neuen Baum in Kassel besuchen und diese Verbindung mit der Natur und mit mir selbst löst jedes Mal unglaublich viele Gefühle in mir aus. Ich begebe mich auf eine Reise in meine Innenwelt und stelle die Fragen, die ich mich sonst nicht traue zu fragen. Wie das sein kann: Keine Ahnung, aber mein Baum macht es möglich.


Eine Robinie
Mein Baum ist eigentlich zwei Bäume

Mein Baum - mein Spiegel

Im Rahmen des Utopiecamps haben wir die Übung gemacht, uns im Wald einen eigenen Baum zu suchen. Dort im Harz ging ich lange durch den Wald, bis mich ein Baum anzog, welcher entwurzelt und von Pflanzen überwuchert dalag. Der entwurzelte Baum spiegelte in diesem Moment so sehr mein Innerstes wieder. Auch ich fühlte mich entwurzelt, allein und irgendwie nicht mehr wie ich selbst. Doch ein umgefallener Baum bietet auch Platz für Transformation. Er geht wieder in den Kreislauf des Lebens über und wird zu etwas Neuem. Das ganze Unkraut, was den Baum überwucherte, sah ich sinnbildlich für alles, was mir im Weg steht und was ich erst beiseite räumen muss, um mich neu entfalten zu können. In das Aussehen meines Baumes konnte ich all meine aufgestauten Gefühle hineindenken. Diese Erfahrung hatte für mich fast schon etwas Außerweltliches.


Als wir das zweite Mal zu unserem Baum gehen sollten, fand ich den Weg nicht mehr und musste mich durch Dornen kämpfen, um wieder zu meinem Baum zu gelangen. Fast, als hätte er nicht gewollt, dass ich ihn noch einmal aufsuche. Doch mein zweiter Besuch schaffte weniger Tränen und mehr Klarheit. Und ich sah die ersten neuen Triebe, die sich aus dem emporragenden Wurzelwerk ihren Weg bahnten. Das machte mir Hoffnung, dass auch ich meinen Weg finden werde, in dieser verrückten Welt und in dieser Zeit, in der ich das Gefühl habe, stillzustehen und abzuwarten. Die ersten Fühler in eine neue Zukunft sind ausgestreckt, doch sie sind noch sehr zart und gerade erst erwacht. Ich darf mir Zeit geben, sie vollständig erblühen zu lassen.


Meine neue Robinie

Zurück in Kassel ging ich in der ersten Arbeitswoche an einem Tag auf dem Weg nach Hause, einen anderen Weg und da sah ich auf einmal diesen Baum vor mir, der mich wie magisch anzog. Ich rannte über die Wiese auf ihn zu und brach in Tränen aus. Dann legte ich meine Wange an den Stamm des Baums und ließ mich von ihm halten. Die Robinie, wie ich später herausfand, hat zwei Stämme und unzählige verzweigte Äste die in alle Himmelsrichtungen emporragen. Die Blätter sind klein und rund und unzählige befinden sich an einem Zweig. Bei genauerem hinsehen erkannte ich Dornen, welche sich an den kleineren Zweigen befinden.

Frau vor Baum
Ein Baum kann einem Trost spenden

Dieser Baum stand im ersten Moment für mich dafür, dass ich eben nicht allein sein sollte, oder auch nicht allein bin, sondern das es einen zweiten Stamm gibt, welcher mich trägt. Ich habe mir vorgestellt, dass es ein zweiter Mensch ist, der zu mir gehört, der sich dieselben Wurzeln mit mir teilt, jedoch in eine vollkommen andere Richtung wächst und sich von mir entzweit hat. Mein Baum spendete mir Trost, da ich von ihm lernte, dass Menschen eben auch zu mir gehören und ich nicht allein bin. Die Dornen, welche ich später entdeckte, interpretierte ich so, dass ich eine harte Schale nach Außen trage und mein sensibles Inneres damit schütze, dass ich mich allerdings mehr öffnen und meine Schutzmauern auch einmal fallen lassen sollte. Denn wenn ich diese Dornen immer nach außen trage, dann kann man sich an mir nur piksen und kann nicht verstehen, wie ich wirklich bin.


Ansicht einer Person aus der Froschperspektive
Innere Ruhe kehrt in der Natur ein

Als ich heute wieder bei meinem Baum vorbeigeschaut habe, hat er mich begrüßt wie eine alte Bekannte. Ich habe mich vor ihn gesetzt und einfach gewartet. Dann habe ich ihn gefragt, was ich tun soll. Der Wind hat aufgefrischt und mir ins Gesicht geblasen und ich habe gemerkt, dass ich unheimlich angespannt bin. Ich habe mir die unzähligen Äste angeschaut und festgestellt, dass ich ein Mensch mit unheimlich vielen Facetten bin und dass ich, wie mein Baum, in alle Richtungen wachse und meine Fühler austrecke. Mein Leben ist wie das komplizierte Geflecht dieses Baumes und alles ist irgendwie miteinander verwoben und steht gleichzeitig für sich allein. Und das ist auch irgendwie schön, denn ich muss mich gar nicht immer für eine Sache entscheiden, sondern ich kann alle meine Facetten lieben lernen und sie dürfen einfach nebeneinander da sein. Es war mir nach diesem Besuch bei meinem Baum gleich leichter ums Herz.


In Verbindung mit der Natur gehen

Eines habe ich aus der Zeit im Harz mitgenommen: Es muss nicht immer lange und viel sein, aber sich mit der Natur zu verbinden ist das Heilsamste überhaupt. Am Ende habe ich jeweils bestimmt nicht mehr als zwanzig Minuten bei meinen Bäumen verbracht, jedoch haben sie mir mehr über mich beigebracht, als es jegliche Reflexionsfrage bisher konnte. Die Natur kann einem einen Spiegel vorhalten und wenn man sich auf die Eindrücke um einen herum vollkommen einlässt, dann lernt man unheimlich viel über sich selbst. Wer mir nicht glaubt, kann es gerne einmal selbst versuchen, aber man muss sich auch darauf einlassen, denn erst wenn man sich dem Prozess öffnet, erlebt man etwas ganz und gar Magisches. Für mich war die Reise mit meinen Bäumen bisher unendlich heilsam und besonders.


Generell habe ich gelernt, dass mich die Natur erdet und ich durch die Verbindung zur Natur ruhiger und achtsamer werde. Wenn ich durch den Wald gehe, nehme ich so viel um mich herum wahr. Wald, Wiese, Bäume und Tiere schenken mir ihre Liebe und ich bin dankbar, dass ich mich an ihnen erfreuen darf. Das Gras unter den nackten Füßen zu spüren, oder mit der Hand über den Stamm eines Baumes zu streichen sind Sinneswahrnehmungen, die mich erden und mich heilen. Diese Verbindung zur Natur ist so besonders und wertvoller, als jegliches Geld der Welt.


Baum bei Sonnenuntergang
Die Natur schenkt mir die Ruhe, die ich im Alltag oft vermisse

Die Naturverbindung und ich

Die Natur zeigt mir den Weg auf: Ich glaube, ich darf mehr Vertrauen in mich selbst und meine Fähigkeiten haben. Ja, mich hat ein starker Sturm entwurzelt und ich musste mich wieder zurück kämpfen. Doch den Raum zur Transformation, den mir diese Veränderung ermöglicht, den darf ich schätzen lernen und mich darauf einlassen. Ich bin nicht allein und darf mich auch auf andere Menschen in meinem Leben verlassen. Dafür sollte ich diese jedoch an mich heranlassen und mich nicht immer in meine Schutzhülle zurückziehen. Gehe ich offenen Herzens durch die Welt, gibt mir die Welt die Liebe zurück, welche ich aussende.


Und doch darf ich auch wählen. Ich darf wählen, welche Pflanzen über mich drüber wachsen dürfen, welche ich vielleicht abschneiden muss, da sie mir im Weg sind und welche mich unterstützen können. Dabei, darf ich mir Zeit geben, denn nichts lässt sich so schnell von Heute auf Morgen verändern. Transformationsprozesse brauchen Zeit und genauso wie die Natur sich weiterentwickelt im Laufe der Zeit, werde auch ich meine Veränderung annehmen und mit der Zeit wachsen. Denn so wie meine Bäume weiter wachsen, so wachse auch ich und für diese Erkenntnisse bin ich sehr dankbar.


Bearbeitet: 12.10.2026


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